Union streitet über Teilzeitanspruch und Fachkräftemangel

Union streitet über Teilzeitanspruch und Fachkräftemangel

Union streitet über Teilzeitanspruch und Fachkräftemangel

  • Politik
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Der Wirtschaftsflügel der Union will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken und begründet dies mit dem Fachkräftemangel. Hintergrund ist ein Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion an den CDU-Bundesparteitag im Februar. Der Anspruch soll demnach nur noch gelten, wenn besondere Gründe vorliegen, darunter die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen sowie berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung; der Antrag trägt den Titel Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit.

Kritik von SPD-Politikern und Verweis auf Überstunden

Der Vorstoß stößt bei SPD-Politikern auf Unverständnis. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erklärte dem Stern, es gebe unterschiedliche Gründe für Teilzeit, der Staat solle nicht zwischen guten und schlechten Motiven unterscheiden; stattdessen müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Pflege und Beruf verbessert werden, damit sich mehr Menschen für Vollzeit entscheiden könnten. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Alexander Schweitzer sagte im Deutschlandfunk, in Rheinland-Pfalz sehe er viele Beschäftigte, die Arbeit und Familie vereinbaren müssten, nicht aber eine relevante Gruppe von Lifestyle-Arbeitnehmern; zudem verwies er auf 1,3 Milliarden registrierte Überstunden im Jahr 2023 und wies die Unterstellung zurück, Beschäftigte arbeiteten nicht genug.

DGB warnt vor Rückschritten bei Gleichstellung

Auch Gewerkschaften kritisieren den Vorstoß. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi sagte der Rheinischen Post, die Infragestellung des Teilzeitrechts verkenne die Lebensrealität und treffe Millionen Frauen, die nicht freiwillig weniger arbeiteten, sondern unter anderem wegen unbezahlter Sorgearbeit und fehlender Kinderbetreuung; aus ihrer Sicht würde eine Einschränkung Gleichstellungspolitik zurückdrehen und alte Rollenbilder verfestigen. In dem Zusammenhang wird zudem betont, dass viele Menschen, insbesondere Frauen und ältere Beschäftigte, unfreiwillig in Teilzeit seien, weil Rahmenbedingungen nicht passten oder Unternehmen die benötigte Personal- und Arbeitszeitpolitik nicht anböten.

Widerspruch auch aus der Union und Positionen der Arbeitgeber

Widerspruch kommt auch aus der CDU. Der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Gordon Schnieder nannte den Vorstoß eine Schnapsidee, erklärte, er unterstütze das Vorgehen nicht, und plädierte dafür, Vollzeit über steuerliche Anreize und die Abgabenlast attraktiver zu machen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach sich für mehr Vollzeitarbeit aus, um die Arbeitsproduktivität zu steigern, und verwies darauf, dass die Wochen- und Monatsarbeitszeit in Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten geringer sei; mehr Vollzeit solle mit Betreuungsmöglichkeiten für Familien und pflegebedürftige Angehörige zusammengedacht werden. CSU-Chef Markus Söder befürwortete ebenfalls längeres Arbeiten, lehnte ein generelles Reduzieren oder Verbot von Teilzeit jedoch ab und setzte stattdessen auf Anreize, etwa über Steuern. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände erklärte, der Teilzeitanspruch müsse auf den Prüfstand, mehr Arbeit bedeute mehr Wohlstand und soziale Sicherheit; über Korrekturen müsse gesprochen werden können.

Experteneinschätzungen und Teilzeitdaten

Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, sagte im Deutschlandfunk, es werde derzeit so viel gearbeitet wie noch nie, und er bezweifle, dass es eine nennenswerte Zahl an Lifestyle-Teilzeitbeschäftigten gebe; diese Gruppe sei sehr klein und liege möglicherweise im einstelligen Prozentbereich. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, kritisierte, der Vorstoß diffamiere Teilzeit, die in Deutschland überwiegend von Frauen geleistet werde, als individuelle Entscheidung und blende strukturelle Rahmenbedingungen aus. Als Einordnung werden zudem Zahlen genannt: Die Teilzeitquote lag 2025 bei rund 40 Prozent auf Rekordniveau; nach Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sank das Arbeitsvolumen insgesamt dennoch nicht, weil Teilzeitbeschäftigte mehr Stunden als früher arbeiteten, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden.