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Bauforscher sehen Normen als Bremse für den Wohnungsbau
Deutschland könnte nach Einschätzung der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen und des Instituts für Bauforschung deutlich mehr Wohnungen bauen. Beide Institute sehen zu viele und zu komplexe Normen als wesentliche Ursache für hohe Baukosten, sinkende Neubauzahlen und steigende Mieten. Mit einem Normen-Notruf wollen ARGE und IFB einen Kurswechsel in der Baunormung anstoßen.
Kostenanstieg durch höhere Standards
Nach Berechnungen der Institute sind die Kosten für den Wohnungsneubau seit 2000 bundesweit um rund 245 Prozent gestiegen. Rund 20 Prozent dieses Anstiegs führen die Bauforscher auf höhere Normenstandards zurück. Dadurch seien Mehrkosten von rund 600 Euro je Quadratmeter Wohnfläche entstanden. Mit weniger und praxistauglicheren Vorgaben könnten die Gesamtkosten im Neubau nach Einschätzung der Institute um rund 1.000 Euro je Quadratmeter sinken.
Schallschutz als Beispiel für Komplexität
Als Beispiel nennen ARGE und IFB den Schallschutz. Seit 2015 hätten sich Arbeitsaufwand und Kosten für die entsprechenden Nachweise verdreifacht. Der Schallschutz müsse inzwischen detailliert für jeden Raum rechnerisch nachgewiesen werden. Die Institute verweisen auf ein Wohnhaus in Wesel, bei dem geringfügige Überschreitungen von Orientierungswerten zu erheblichen Mehrkosten geführt hätten und Balkone deshalb nicht gebaut worden seien.
Mehr Normen bedeuten nicht automatisch bessere Gebäude
Die Bauforscher kritisieren, dass die Qualität von Gebäuden durch immer komplexere Normen nicht zwangsläufig steigt. Nach Auswertungen des IFB haben Anzahl und Kosten von Bauschäden zugenommen. Feuchtigkeitsschäden und Schäden an der Baukonstruktion machten fast zwei Drittel der durch Versicherungen regulierten Bauschäden aus. Der durchschnittliche Aufwand je Schadensfall habe sich von 2013 bis 2024 nahezu verdoppelt und liege bei fast 14.000 Euro.
Gebäudetyp E als Basisstandard
ARGE und IFB fordern, den Gebäudetyp E als robusten und kostengünstigen Basisstandard im Wohnungsbau zu etablieren. Ziel ist ein funktionssicherer Wohnungsbau mit weniger wartungsintensiver Technik und reduzierter Ausstattung. Höhere Standards sollen weiterhin möglich sein, müssten aber ausdrücklich bestellt und bezahlt werden. Damit soll einfaches Bauen rechtssicherer und wirtschaftlicher werden.
Rechtssicherheit für einfaches Bauen gefordert
Baurechtsexperte Michael Halstenberg fordert ein Gebäudetyp-E-Gesetz und Anpassungen im Bauvertragsrecht. Projektentwickler und Bauunternehmen würden einfachere Lösungen nur dann umsetzen, wenn daraus keine rechtlichen Risiken entstehen. Zudem sprechen sich ARGE und IFB dafür aus, Änderungen an Normen vor ihrer Verbindlichkeit unabhängig auf Baukosten und Praxistauglichkeit prüfen zu lassen.
Baunormen-Konferenz in Berlin
Die Kritik an der Normenflut steht im Mittelpunkt der 1. Deutschen Baunormen-Konferenz von ARGE und IFB in Berlin. Dort kommen Vertreter aus Politik, Bau- und Immobilienwirtschaft, Architektur, Planung, Verwaltung und Wissenschaft zusammen. Die Institute wollen damit den Startpunkt für eine systematische Überprüfung der Baunormen setzen.